03. Dezember - Ghana VI

Wir starten zur gleichen Tour. Mit dem Taxis geht es über eine Stunde in den Kakoumpark. Dort warten Hängebrücken, die teilweise 40 Meter über dem Abgrund verlaufen auf schwindelfreie Betreter. Das ganze ist eingebettet in ein Projekt, das den Menschen das Verhältnis zwischen Regenwald, Tieren und Menschen vor Augen führen soll. Besonders für Schulklassen gedacht, hat es aber gerade auch für Touristen seinen Vorteil, weil wir im Eingangsbereich mit einem Rundgang durch Schautafeln und Bildern auf die Situation eingestimmt werden. So gibt es Boxen, die aus mehreren hintereinander gelegenen Seiten bestehen. Zunächst ein Fragestellung, ein Lösungsangebot und die Folgen. In Erinnerung bleibt uns auf die Problemstellung „Elefanten zerstören Pflanzungen“ die Fragestellung: „Elefanten töten?“, die Antwortseite: „dann bleiben die Touristen weg!“. Dann stehe wir auf der Schwindelbrücke: ein schmaler Gehsteig, der zum Passgang auffordert, schulterhohes Netz an beiden Seiten. Es schwankt, mir ist mulmig, obwohl nix passieren kann. So führen diese Wege von einer Plattform zur nächsten. Du darfst erst losgehen, wenn der andere schon die Hälfte hinter sich hat. So schwanke ich völlig nüchtern in luftiger Höhe über dem Dschungel. Wir treffen auf zwei deutsche Frauen, von denen eine in Ghana im Krankenhaus arbeitet. Sie möchte gerne ihre Zeit verlängern oder wiederkommen. So treffen wir auch später viele vermeintliche Touristen, die aber in Ghana arbeiten. Der Normaltourist unserer Art scheint noch nicht weit verbreitet.
Am Boden geht es mit Baumkunde weiter. Wir haben Ehrfurcht vor den großen Bäumen, haben wir doch gerade eine schöne Esche an der Segelschule durch Pilzbefall verloren. Wo die Natur oft 100 oder mehr Jahre arbeitet, schlachtet der Mensch in kurzer Zeit. Doch auch die Bäume selbst stehen im Kampf: Die Würgefeige. Ihr Samen landet über Vogelkot in der Krone, entwickelt Luftwurzeln, die nach unten arbeiten, sich um den Wirtsbaum schlängeln und diesen schließlich aufzehren. Später bekomme ich ein Faltblatt in die Hände, in dem über 90 Bäume beschrieben werden mit Hinblick darauf, was aus ihnen gewonnen werden kann.
Unsere zweite Station an diesem Tag: eine Tierauffangstation eines holländischen Paares – Dennis und Annette. Sie haben einen Hügel gekauft (?), den sie mit Wegen, Käfigen, Freiluftgehegen in relativ kleinem Umfang bebaut haben. Oben auf der Spitze wollen sie Gemüse ziehen, dort eine Bar einrichten und neben ihrem Hauptgebäude Unterkünfte für Touristen schaffen. Sie nehmen verwaiste Tiere auf, die in der Natur keine Überlebenschance mehr haben, auf. Ein Problem stellt wohl die „grüne Mamba“ dar, sie versuchen sie durch Zwiebelgeruch zu vertreiben. Ohne Strom und Wasser auf einem Berg zu leben, sich der Rettung von Tieren zu verschreiben (Affen und kleinere Säugetiere), welch ein Lebensplan! Im Gespräch mit Annette fällt uns die distanzierte Haltung zu Ghana und dessen Bevölkerung auf. Konstanze und ich unterhalten uns, ob solche Projekte gewertet werden können. Sollte man sich nicht in erster Linie um die Menschen kümmern?
Weiter geht es zu „Hans Cottage“ – ein Ressort, in dem in einem großen See bis zu 40 Krokodile leben sollen. Der Empfang ist enttäuschend, die Anlage macht einen verwaisten Eindruck. Doch das Anfassen ein Krokodils, das frei vor Dir liegt, bringt bei uns schon ein mulmiges Gefühl hervor. Wenn uns auch zugesichert wird, dass es satt ist und keinerlei Bereitschaft zur plötzlichen Nahrungsaufnahme verspürt – so unsere ihren Bauch streichelnde Hand. Zwei Meter hinter uns ein kleiner Kanal, das vorher gekaufte Hühnerfleisch wird von einer Schwarzen am Stock an ein Krokodil verfüttert. Einen Rundgang um den See durch hohes Gras und ohne Begleitung wollen wir dann auch lieber nicht antreten.
Den Abschluss unserer Tour bildet das Oasis-Restaurant, direkt am Strand von Cape Coast. Von einer kleinen Veranda aus haben wir direkten Blick auf die Brandung. Neben einem Fischerboot entdecken wir plötzlich mehrere Schweine, die im Sand wühlen. Eine Schulklasse findet sich ein, praktischer Unterricht im Freien? Im Hintergrund erhebt sich die Festung. Eine Wasserverkäuferin drängt sich penetrant an unseren Tisch – Neugier gepaart mit der bitteren Notwendigkeit, Geld zu verdienen – Laut Reiseführer leben 75 % der Bevölkerung in Armut (weniger als 2 $ pro Tag).
Zurück im Hostel kommt es zur Modenschau. Unsere Polaroid-Kamera macht Furore. Scheela, die Tochter, will sich erst umziehen, bevor wir sie ablichten. Andy’s Familie versammelt sich, auch seine Frau und der Nachtwächter Anthony strahlen in das Objektiv. Voller Freude nehmen sie die Fotos entgegen.