02. Dezember - Ghana V

Mit dem Taxi fahren wir nach Cape Coast in das Blue-Yellow-Hostel. Es ist tatsächlich blau und gelb gestrichen, hat aber nichts mit Schweden zu tun. Ist aber auffällig. Nach Aussage des Reiseführers soll auch hier eine deutsch – ghanaische Initiative sein. Rundreisen und Exkursionen seien hier erhältlich. Die Initiative relativiert sich, ein deutscher Professor hat wohl von hier aus einige Projekt geleitet. Ein Bildband wir uns stolz präsentiert. Aktuell läuft aber nix. Andy, ein Schweizer ist meiner Ghanaerin verheiratet, sie leiten das Hostel. Zur Zeit sind aber nur wenig Besucher da. Das Haus weist Gebrauchsspuren auf, die an kubanisches Flair erinnern. Andy erklärt uns die Schwierigkeiten. Qualität von Beton, Verputz und Farbe seien schlecht und schwer zu bekommen. Maurer verdienen 12 Cedits am Tag – 6 € – und müssen immer wieder ausgewechselt werden. Es funktioniert nichts, wenn man sich nicht mit dem „Chief“ ins Einvernehmen setzt, alte Stammesstrukturen und aufgesetzte Behördenvorschriften konkurrieren mit einander. Dazu kommt Mangelwirtschaft, wacklige Stromversorgung und lückenhafte Infrastruktur, es entsteht langsam ein Bild … Wir sind glücklich, Andy zu treffen und so tiefer gehende Informationen zu bekommen.
Mit einem „shared taxi“ machen wir uns auf den Weg. Diese Taxis sind sehr billig, sie fahren auf einer festen Strecke, unterwegs besteht immer wieder die Möglichkeit ein- oder auszusteigen. Zwei Finger nach unten gehalten und leicht geschüttelt heißt: wir brauchen zwei Plätze. In der Innenstadt gehen wir das leidige Thema Geldwechseln an. Bei den Banken sind wir erfolglos, in einem Forex-Büro bekommen wir schließlich einen guten Kurs. So sind wir für die nächsten Tage ausgestattet und machen uns Richtung „Castle“ auf, einer der vielen Sklavenburgen, die hier über die Küste verstreut sind. Umschlagplätze für den Sklavenhandel.
Wir schließen uns einer Tour durch die Verließe an. Im Groben ist uns ja die Geschichte bekannt, doch als wir in den dunklen, engen Räumen stehen, uns die Fakten genannt werden, wie viele Menschen hier zusammen gepfercht worden sind, kommt das Grauen auf leisen Sohlen. Es gibt eine Rinne, in der alle Ausscheidungen wieder abgeflossen sind. Es gibt auch noch engere Räume, in die dann die Kranken und Siechenden verlegt worden sind. Frauen sind zuweilen herausgepickt worden, um sie der besonderen Verwendung des Wachpersonals zu zuführen. Wir stehen an einer Beobachtungsluke, die den Blick auf einen Gang freigibt. Hier sind die Sklaven zum letzten Mal gemustert worden, bevor sie durch das Tor „of no return“ in die Schiffe verfrachtet worden sind. Filmen ist in den dunklen Räumen nicht möglich, so nehme ich nur das Brenneisen auf, das zur Kennzeichnung der Sklaven gedient hat. 
Draußen herrscht blauer Himmel, die schönen weißen Wände der Festung, nebenan ein pittoreskes Fischerdorf und dennoch ein Ort großer geschichtlicher Grausamkeit. Ich mache mir klar, in welch behüteter Zeit und Umgebung wir wohnen. So gönnen wir uns eine kleine Zeit der Besinnung und Wasseraufnahme, bevor wir uns in den Trubel der zurückkehrenden Fischer stürzen wollen.
Das folkloristische Bild, das wir von der Festung aus gesehen haben, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Menschen sehr arm sind, ihre Körperpflege, Wäsche waschen und wahrscheinlich auch sämtliche Abwässer werden dem Atlantik anvertraut. Wir schauen den Pirogen zu, die am Horizont auftauchen. Einbäume mit einem seltsamen Rigg, zwei dünne Stangen, die nicht einmal mittig stehen, dazwischen ein mehr oder weniger viereckiges Stück Stoff. Ich taufe es für mich auf Taschentuchrigg. Zwei dünne Stangen, die im unteren Bereich über Kreuz gehen, oben weit auseinander klaffen. Vor dem Wind werden die Segelköpfe an den Stangen befestigt, bei halbem Wind sind die Stangen auch in Längsrichtung verschränkt, es einen vorderen und hinteren Befestigungspunkt für die Köpfe gibt. Der Hals wird am Bug befestigt und das Schothorn frei gefahren. Kurz vor dem Ufer fällt das Segel, die Pirogen werden dann unter Einsatz aller Muskelkraft (20 bis 30 Personen) an Land gezogen. Beim Start ist es noch dramatischer, weil die Boote im rechten Winkel zur Brandung gehalten werden müssen, um dann mit Schieben, Ausrichtung über mehrere Enden, der Einbaum durch die Brandung gepaddelt werden muss. Es gibt aber schon Außenborder, die seitlich am Heck angebracht werden. So schlendern wir an der Straße hinter dem Fischerdorf entlang, werden beäugt und äugen zurück, suchen aber eigentlich einen Durchgang zum Wasser. Sobald sich aber eine Lücke zwischen den Hütten zeigt, ist dieser Weg von Abfall übersät, ein „kloakisches No-Go“! Wir finden dann doch eine Lücke, wo ein Treppe hinunterführt, die aber plötzlich vor einem Abgrund endet. So setzten wir uns dort nieder, sind sofort von Kindern umringt. Auf dem Rückweg – Richtung Festung – finden wir eine Möglichkeit, direkt ans Wasser zu gelangen. Irgendwie stehen wir dann dem Aufslippen der Boote im Weg, werden sofort von einer mächtigen Stimme vertrieben. Auf einer kleinen erhöhten Plattform, wo Fischer sitzen und ihre Netze reparieren, finden wir dann noch einen kleinen Beobachtungsposten. Wieder ist das Verhalten der Erwachsenen etwas beklemmend für uns, wir werden ignoriert, wir fühlen uns etwas Fehl am Platze. Allein die Kinder, die auf einer Treppe Fisch hochbringen, lächeln uns zu, zeigen stolz zwei Tintenfische.
In einem Strandrestaurant lernen wir David kennen, der in einem Buchladen, der mir vorher schon aufgefallen ist, arbeitet. Wir besuchen ihn später, dabei zeigt er uns stolz die deutschen Bücher. Unter anderen: „Roter Adler an Afrikas Küsten“: die 36jährige Kolonialgeschichte Brandenburgs in Ghana. Er sagt auf der dortigen Festung in Prince Town könnten wir übernachten.
Zwei ältere Herren helfen uns, ein Taxi zu stoppen, schon sind wir auf dem Rückweg ins Hostel. Ältere, gut gekleidete Herren – ohne Goldkette – so scheint mir, sind die freundlichsten Helfer. Ein weiterer Herr kreuzt meine Wege, ich deute ihm, doch vor mir zu gehen. Da gibt er ein strahlendes Lächeln zurück – ich weiß gar nicht mehr, wie es ausgegangen ist, doch es ist eine kurze Begegnung des gegenseitigen Respekts gewesen.
Abends wollen wir bei uns Essen bestellen, es dauert wieder sehr lange, dann kommt Sheela, die Bedienung, sie serviert, und entschuldigt sich, dass es nur ein Stück Hähnchen gäbe. Später setzen wir uns mit Mutter und Tochter zusammen, die zur Zeit auch Gäste im Hostel sind. Sie stammen aus der Gegend um Stuttgart. Die Tochter ist schon zum dritten Mal in Ghana. Sie haben zusammen in einer ghanaischen Familie gelebt. Wir lassen uns von ihrer Tour erzählen, die sie hier in der Gegend gemacht haben.