Fehmarntörn aus der Sicht von Hans
Gestern war der Törn nach Fehmarn angesagt. Ich wollte unbedingt mit einer Möwe auf die Insel, immerhin lerne ich seit einer Woche bei Ralph das Segeln, und seit dem dritten Tag auf eben dieser Möwe. Also traue ich mir auch die Überfahrt mit dem schnittigen der beiden Bootstypen zu. Mit Thomas als Vorschoter soll das Abenteuer doch möglich sein. Mut oder Übermut? – frage ich mich, je näher das Ablegen rückt. Selbst langjährige Gäste des Hauses nehmen den Menhir.
Zu spät, jetzt geht es los. Die kleine Bucht verlassen wir zügig bei frischem Wind, auch den Dalben lassen wir bald Steuerbord liegen. Und dann kommt der Moment an dem wir die Spitze vom Graswarder passieren. Die See wird spürbar rauer, zum ersten Mal in meiner jungen Seglerkarriere erlebe ich richtige Wellen. Das Bug steigt mit jeder Welle an und danach ins Tal hinab. Zudem rollt das Boot, weil die Wellen von schräg vorne kommen. Geht das gut? – frage ich mich schon bald. Kann das überhaupt gut gehen? Ich werde zunehmend nervös. Zum Glück beruhigt Thomas mich. Er hat diesen Törn schon etwa 15 Mal mitgemacht. Dieser Wellengang reißt ihn nicht von der Vorschoterbank.
Mit höchster Konzentration halte ich den Kurs am Wind, bloß nicht zu nah am Wind – was dann kommen kann, will ich nicht ausprobieren. In der geschützten Bucht vor der Werft war meine Abenteuerlust deutlich lustiger. Aber hier will ich nicht kentern. Zudem hat sich der Himmel zugezogen, das Ufer von Fehmarn ist nur noch zu erahnen. Dafür werden die Wellen höher, die weiße Gischt deutet darauf hin, dass wir mindestens Windstärke 5 haben. Und dann kommen auch noch fiese Böen auf. Das kann doch kein normaler Mensch segeln, denke ich. Irgendwann muss das doch schief gehen. So schief, dass wir kentern. ICH WILL NICHT MEHR!
Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Warum hat Ralph mich nicht zurückgehalten, als ich ihn fragte, ob er mir und Thomas eine Möwe zutrauen würde. Die Mitsegler auf den Menhiren sitzen recht gelassen in ihren stabilen Kästen. Nur ich bin der Depp, der sich unbedingt das Große-Jungs-Abenteuer geben muss. Im nächsten Urlaub lerne ich Hallen-Jojo.
Und dann kommt auch noch das Longboat um zu sagen, dass wir warten sollen, weil wir womöglich umdrehen müssen. Also muss ich in der unruhigen See immer wieder wenden, weil die ganze Bootsgruppe zusammen bleiben soll. Und dann auf einmal sehen wir, dass ein Laser aus unserer Flotte gekentert ist. Es dauert lange, bis das Boot wieder im Wind steht. Sehr lange. Viele Wenden lang, immer in der wilden See. Inzwischen hoffe ich, dass wir zum Umdrehen aufgefordert werden. Doch nach einer gefühlten Ewigkeit kommt die Anweisung, dass wir weiter bis Fehmarn segeln. MIST!
Immerhin hat sich der Himmel aufgeklart, das Ziel ist endlich gut zu sehen. Aber die Wellen bleiben hoch und die Böen nehmen sogar noch zu. Ich verfluche meine Entscheidung immer mehr. Und danke Thomas an dieser Stelle noch einmal für seine Ruhe und Gelassenheit, mit der er mich durch dieses Gefühlschaos trägt. Und mir viele gute Ratschläge erteilt. Und dann knallt wieder eine Böe in die Segel, der Mast neigt sich bedenklich nach Lee. Ich sehe wie die Bootskante schon unter Wasser liegt. „Lass los!“, schreit Thomas. Und ich lasse die Großschot sogar los. Das Boot bleibt schräg in seiner Lage am Rand zum Kentern. Noch immer schwappt Wasser rein, aber wir neigen uns nicht weiter. Aus dem Abstand erinnere ich es wie in Zeitlupe, das das Boot in seiner kippeligen Grenzlage stehen bleibt, ehe es sich wieder aufrichtet. Geschafft! Knapper dran am Kentern geht vermutlich nicht.
Ich suche mir Pinne, Großschot und Wind, setzte sie mit meinem verwirrten Hirn zu einem halbwegs sinnvollen Puzzle zusammen und irgendwie nehmen wir sogar Fahrt auf. Thomas sagt trocken: „Das war eine Fastkenterung.“ Und dann schnappt er sich das Ösfass und schmeißt in Windeseile das Meerwasser literweise über Bord.
Als wir dann endlich an der windgeschützten Küste von Fehmarn ankommen, wird die See endlich wieder ruhiger. Und langsam auch mein Puls. Während dieser zweieinhalb Stunden habe ich gespürt, was es heißt, ein Boot über das Meer zu segeln. Aussteigen gilt nicht. Als wir dann endlich an Land sind, ist mein erster Gedanke: „Zurück fahre ich auf einer Menhir.“
Doch nach einem schmackhaften Backfisch bei harmlosem Sonnenschein und ohne nennenswerten Wind beschließe ich, auch die Rückfahrt an der Pinne meiner Möwe zu bestehen. Thomas glaubt immer noch an mich, und steigt mit an Bord. Zurück wird es deutlich einfacher. Mit raumem Wind fahren wir in Richtung der Wellen, die dadurch deutlich harmloser wirken. Selbst die Böen verlieren – wenn auch langsam – ihren bedrohlichen Charakter. Allerdings wäre es eine glatte Lüge, wenn ich behaupten würde, dass ich Pinne und Großschot mit einem entspannten Lächeln bedient hätte. Als wir dann aber wieder südlich des Graswarders waren, und nach zähem Kreuzen entlang der Fahrrinne die Vorleine zu Ralph an den Steg geworfen haben, da war ich dann doch stolz, mich für das Abenteuer entschieden zu haben.
Das Bier danach schmeckte so gut wie selten. Ob ich die nächste Fehmarnfahrt wieder mit einer Möwe machen will? Ich weiß es nicht.
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- 13.12. Außenalster statt Binnensee
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