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Monday 08. March 2010

Strahlender Sonnenschein, trotzdem noch penetrantes Eis am Steg. Letzte Woche haben uns Paula und Jan besucht, um uns ihren Kleinen vorzustellen. Als nette Idee hatten sie im Gepäck: für Maddel und mich zu kochen. So sitzen wir später bei Spieß und Salat in trauter Runde. Jan entpuppt sich als Hobbykoch und bekommt so einige Sterne von uns. Am Wochenende: Seekurs, fünf Leute sitzen vor mir und lassen sich theoretisch auf die Seeschifffahrtsstraßen entführen. Mit dabei: Moritz, der neue Laser5000-Pilot, der in weiser Voraussicht seinen Physiotherapeuten mit an den Start bringt. Unser Manfred Gregori schickt mir einige Winterbilder - sie haben auch die Nase voll von der weißen Pracht, die sollte sich langsam wieder entfalten, wenn wir die Segel setzen. Maddel bewerkelt die Optimisten. Diese Woche soll die neue Homepage scharf geschaltet werden.


Sunday 14. February 2010

Noch hat uns der Winter im Griff. Täglicher Stegbesuch mit beständiger, pfahlbezogener Störung der Neueisbildung. Neue Methode, die Eisgriesbrühe mit Plastiksieben herausholen. Die Tauchpumpe am Kopf des Steges versieht tapfer ihren Dienst, hält sicher vier, mit viel Verständnis auch sechs Pfähle frei. Mit der Wochenendcrew um Konstanze, Bettina, Heiko und Dennis werden immer wieder neue Ideen versachsimpelt. Im Bad fliegen die ersten Fliesen an die Wand, zur allgemeinen Erheiterung ein kleiner Rohrbruch durch Kupferfrass. Die Dunstabzugshaube hat ihren Platz gefunden - keine schnelle Aktion - es dauerte bis Meister Heiko mit seinem Gehilfen erfolgreich war..... Dieser wollte ständig unterbrechen, um den , Ghanafilm zu sehen, bisher ist er aber an den Gestaden der geistigen Herausforderung gestrandet.


Friday 22. January 2010

So, die erste kleine Runde Eishacken habe ich hinter mir. Zur Zeit arbeite ich unter dem Steg, denn der Wasserstand ist Heute sehr niedrig. So kann ich das über Nacht gebildete Eis mit den Füssen zertreten und mit den Händen herausholen. Wenn es zu tief wird, muß ich wieder von oben hacken und die Eisstücken herausfischen. Gestern hat mein Rücken rebelliert, so mu ich es nun langsam angehen lassen, denn eine Woche steht mir bevor. Es mag ja auch gesunde Aspekte haben, die Arbeit an der frischen Luft, könnte aber auch gerne darauf verzichten. Deshalb soll es im nächsten Winter eine Luftdruckanlage geben, die einer Eisbildung entgegenwirkt. Im Operationssaal ist die Steuerschüssel- Problemzone: der Rand. Wir haben eine neue Scheuerleiste kommen lassen, doch die ist zu mickrig ausgefallen. So denken wir nun wieder an Handlauf, doch wie befestigen. Ein Grund für die Verwundungen sind die Stegbolzen, die unten herausragen, die müßte ich dringend mal abflexen. Für das 1. Piratencamp haben wir bereits drei feste Anmeldungen und zwei hoffnungsvolle Anfragen. Eine Truppe Handballer will eventuell in der dritten August- odeer zweiten Septemberwoche kommen.


Wednesday 20. January 2010

Der Winter ist wieder da. Komme gerade vom Eishacken, noch sind die Temperaturen moderat, etwas unter Null, doch für die nächsten Tage zeigt der Pfeil deutlich nach unten. Die meisten Achterpfähle hat es schon gemschmissen, doch dem Steg darf nichts passieren. Vorne am Steg hacke ich von oben, dort wo der Wasserstand niedriger ist, bin ich in der Neoprenwathose unterwegs, die leider nicht mehr ganz dicht ist. . Deshalb trage ich auch zwei Mülltüten über den Beinen. Maddel rück dem letzten Menhir und der Steuerschüssel zu Leibe. Zwischendurch durfte ich auch kräftig Schnee eimern und fegen, denn die Planen, mit denen wir die Schiffe abgedeckt haben, gaben unter der Last nach. Täglich bin ich auf der Webseite, suche Informationen über Temperatur, Windstärke und -richtung sowie Wasserstand. Doch Väterchen Frost hat uns noch im Griff. Natürlich hat es auch seine schönen Seiten, das weiße Kleid, das die Landschaft, die Boot bedeckt, doch, so richtig kann ich es nicht genießen.
Claudia und ME arbeiten an der Homepage. Die Texte sind grob entworfen und können gegengelesen werden http://segelschule-bennewitz.de/content/segelschule. Jetzt muß ich noch entsprechende Bilder suchen, damit wir an den Start gehen können. Die ersten Theoriekurse werden ab Mitte Februar laufen. In der nächsten Woche soll das Bad mehr Fliesen bekommen.
Der Ghanafilm ist fertig und kann betrachtet werden.


Thursday 07. January 2010

28. November - Samstag
Um 1630 Uhr landen wir in Accra. Die Hitze ist zunächst nicht so schlimm wie befürchtet. Wir werden von der Unterkunft Crystal Hostel abgeholt. Unser Fahrer, Jason, bemüht sich um Smalltalk und überrascht uns durch sein exaltiertes Lachen. „Akwaaba“ – willkommen auf ghanisch. The american house, the house of the former president, the house of a famous footballer: was wir schon grob aus dem Reiseführer wußten, hier und jetzt wurde uns vorgeführt, wie der Mensch sich in Accra orientiert. Straßennamen sind unwichtig, bekannte Häuser gelten als Adresse. An uns ziehen ärmliche Behausungen, Bauruinen und fertig gestellte Häuser vorbei. Schließlich landen wir in unserem Hostel irgendwo im nördlichen Stadtteil. Von der Veranda blicken wir auf eine hohe Mauer, die das Gelände umgibt, bewehrt mit Natodraht. Der Arm/Reich-Kontrast macht diesen Schutz wohl notwenig. So sehen wir zunächst nicht viel von unserer Umgebung, hören den Lärm, Zuweilen können wir einen Blick auf eine Schüssel, auf Kleidung oder Süßigkeiten werfen, denn die Mauer ist gerade so hoch, dass wir die Lasten sehen können, die die Menschen auf dem Kopf transportieren. Erster Lichtblick, die freundliche Hausdame – Florence – bereitet uns ein „Chicken-Dinner“.

29. November - Sonntag
Gestärkt durch eine Omelette, Instant-Café – das Standartfrühstück für Europäer – wollen wir zunächst die Busbahnhöfe erkunden – ein vollkommen sinnloses Unterfangen, wir wir noch lernen sollten. Florence bringt uns zum Tro-Tro-Bus-Stop. Kleinbusse ab VW-Bus-Größe fahren bestimmte Strecken ab, nehmen zwischendurch immer wieder Fahrgäste auf oder setzen sie ab. Für den weiteren Transport stehen STC-Busse zur Verfügung, die meistens zweimal am Tag die großen Strecken bedienen, daneben gibt es Metro-Busse, die aber warten, bis sie voll sind, kann sich die Abfahrt schon einmal um ein/zwei Stunden verzögern; mit den Mini-Bussen kommt dafür fast überall hin. Auch hier gibt es Unterschiede, sie starten alle aber erst, wenn die Kiste voll ist, das heißt, wenn 16 bis 24 Leute dort in Viererreihen sitzen. Kinder zählen nicht, sie werden auf den Knien gefahren. Bei langer Fahrtzeit können sie für größere Leute recht unbequem werden. Der Zustand ist ebenfalls sehr unterschiedlich, was sich besonders bei den Stoßdämpfern bemerkbar macht.
Im Fahrtwind finden wir angenehme Kühlung, ruhig ist es fast nie, Radio und emsiges Geschnacke umgibt uns. Wir landen im ersten Rondell, mehrere davon umgeben Accra und sollen den Verkehr leiten. Nach kurzer Zeit sind wir schweissüberströmt, doch begeistert, weil wir kaum angebettelt oder von Verkäufern belästigt werden. Wir schnappen uns das nächste Tro-Tro in Richtung Busstation. Wir wollen auskundschaften, wie wir Morgen von Accra in Richtung Volta See kommen. Wir finden eine STC-Station – doch keine Infos. Bei den privaten Bussen, Gewusel und Lärmpegel sind enorm, nennt man uns einen Preis, der nach Ausbeute klingt. Erst später begreifen wir, das viele Leute die Währungsreform noch nicht verinnerlicht haben, 24 000 Cedits – Landeswährung – sind dann 2,4 €, nach der neuen Regelung sind nun 2 Cedits ca. 1 €. Der anhaltende Lärm, er wuselige Verkehr, die Hitze, die Enge, die vielfältigen Gerüche, besonders schön: Fisch und Abfälle, nage an unserer Kondition. Ich bin für den Abmarsch an die Küste – die Hoffnung auf eine frische Brise. Freuten wir uns bisher noch darüber, das das Belästigungspotential klein ist, hängt sich jetzt eine Klette an unsere Fersen. Ein Mann spricht uns an, drängt mir seine Adresse auf und wird zum getreuen Schatten. Alle Hinweise, dass wir alleine sein möchten, freundliche und lautstarke Äußerungen, fruchten nix. In seiner Penetranz erinnert er mich an die alte Frau, die uns auf der chinesischen Mauer verfolgte, um Karten und Bildbände zu verkaufen. Endlich die Rettung, wir betreten eine offene Bar. Der Kellner hilft uns, den Verfolger zu verjagen. In diesem Wortwechsel ging es gleich heftig zur Sache. Auf alle Fälle streiten die Leute hier gerne laut, für uns nicht immer leicht zu begreifen, wie ernst die Situation tatsächlich ist. Wir wollen weiter an den Strand. Auf dem Weg werden wir von Herr Schmitz angesprochen: „Are you from Us. No – Germany, oh I’m from Cuxhaven, my wife is from Hannover. Er wirkt jovial – die Wahl der Städte schafft Vertrauen, seine Frau möchte uns gerne kennen lernen, sie ist Deutsche und freut sich auf Kontakt in der Muttersprache. Er will uns dann auch gleich zum Strand fahren…Im Gespräch taucht wohl auch der Geldwechsel auf. Es ist Sonntag – die Wechselstuben haben geschlossen. In machen Hotels soll es aber möglich sein. Wir wehren erst einmal ab, erklären ihm, dass wir lieber mit dem Tro-Tro zum Beach fahren wollen. Er zeigt sich verständnisvoll und verabredet sich für 14 Uhr mit uns am Strandeingang, seine Frau will er dann mitbringen. Am Beach bezahlen wir Eingang und laufen den mit Strandbars gepflasterten Weg ab. Hier kommen sie natürlich, die Abfangjäger….schließlich entscheiden wir uns, unseren Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen. Herrlichen Blick auf die Brandung, es gibt viel zu gucken, weil gut besucht. Doch immer wieder schieben sich die Strandverkäufer in unser Gesichtsfeld. Tücher, Zigaretten, Süßigkeiten, Sonnenbrillen – es nimmt kein Ende. Wir üben uns erfolgreich in höflicher Verneinung. Meistens bleiben sie freundlich. Mein Tabak erregt Aufmerksamkeit. Ein findiger Bursche schleppt eigenen Tabak an – braune Klumpen mit anstrengendem Geruch. Als er merkt, dass bei mir kein Absatz möglich ist, will er meine Tabakdose haben, wenn sie leer ist, damit er mit dieser Verpackung mehr Glück hat. Etwas Besonderes im Angebot: Pferde am Strand, gegen Entgeld können sich Leute herumführen lassen.
Gegen 14 Uhr warten wir vor dem Eingang auf Herr Schmitz nebst Frau. Wir sind in freudiger Erwartung, erhoffen wir uns doch auch genauere Infos und Verständlichkeit. Denn Englisch ist zwar Amtssprache in Ghana, doch Betonung und Aussprache machen die Informationsvermittlung manchmal schwierig. Er hält mit seinem Auto an der Straße, seine Frau ist nicht an Bord. Trotzdem steigen wir ein. Seine Frau wäre noch in der Kirche, sie arbeitet ansonsten als Krankenschwester. Zunächst würde er uns beim Geldwechsel helfen. Wir fahren in eine vornehmere Gegend. Zwischendurch erzählt Mister Schmitz auf Nachfragen, dass er als Ingenieur auf Frachtern weltweit fährt, er zwei Kinder habe und einer seiner Verwandten im Finanzministerium gearbeitet hätte. Beim Passieren eines stattlichen Hauses gibt er den Kommentar ab, hier wohne sein Schwager – ein Arzt. Wir landen im Hotel. Dort werden wir einem Vermittler vorgestellt, der den Umtausch vornehmen soll. Es gibt auch eine Art Rezeption, an der sporadisch eine Hotelangestellte auftaucht. Nebenan ist ein offener Raum, dort läuft der Fernseher, zwischendurch wird Essen aufgetragen. Mr. Schmitz kommt zur Sache: je mehr Geld gewechselt wird, desto günstiger der Kurs. Nein, lieber Dollars, keine Euros. Wir geben unseren Betrag und Herr Schmitz gib 1000 $ von seinem Geld. – Falschgeld oder er trifft sich lachend mit dem Vermittler hinter dem Hotel - Der Vermittler geht, kurze Zeit darauf, bekommt Mr. Schmitz einen Anruf, bevor wir es realisieren, ist auch er verschwunden. Nach einer qualvollen Stunde dämmerte es uns: wir sind gründlich beschissen worden. Die Hotelangestellte meinte, wohl einen der Herren zu kennen, schwankte aber in ihrer Aussage. Später kommt sie mit einer Handynummer, bei der sich aber niemand meldet. Scham, Wut, Verzweiflung, Enttäuschung stürzen auf uns ein, doch die Erkenntnis bleibt. Wir sind durch die Hitze und Reizüberflutung wohl so geschafft gewesen, dass wir keine Warnsignal mehr erkannt haben.:
1. Steige niemals in ein fremdes Auto…
2. Wir hätten auf keinen Fall einsteigen dürfen, ohne dass seine Frau da war.
3. Sofort fragen, ob man von der Person ein Foto machen kann…für die Freunde zu Hause…
4. Ausweis und Führerschein zeigen lassen….
5. Ich hätte nach der Adresse, Straßennamen in Cuxhaven fragen können, dabei ein zwei Fangfragen einfliessen lassen können.
Wir stehen später am Straßenrand, wollen mit dem Tro-Tro zum Hostel zurück. Nun gibt es aber mehr als ein „house of former president“ in Accra. Außerdem sind wir wohl nicht in dem gebuchten Hostel untergebracht. So landen wir im Dunkeln in einem völlig verkehrten Stadtteil. Glücklicherweise hat Konstanze die Telephonnummer von Florence. So können wir in ein Taxi steigen. Nach einer weiteren, langen Irrfahrt – die Taxifahrer kennen sich auch nicht so aus, behaupten aber oft das Gegenteil – mehrere Telephonate mit Florence – landen wir erschöpft in unserem Hostel. Sie bedauern uns in netter Form, besorgen mir auch noch von der Tankstelle ein Bier, das man aber oft nur dann bekommt, wenn eine leere Flasche mitgebracht wird. Sie meinen auch, dass das Hotel involviert sei.
Meine Nerven liegen blank, Konstanze steckt es besser weg. Für mich ist die Reise zu Ende – ich will nach Hause. Das Vertrauen ist weg, die Energie, sich in einer fremden Zivilisation zurecht zu finden, ist weg…..

30. November - Montag
Doch wir wollen erst einmal an die Küste zum Ausspannen und Verdauen. Florence besorgt uns ein Taxi. Die Fahrt dauert sehr lange, wir haben schon wieder die Furcht im Nacken, dass der Fahrer den Weg nicht weiß. Wir sind vollkommen orientierungslos. Es gibt in Accra kaum Hochhäuser, markante Punkte sind Glückssache, der Verkehr teilweise sehr chaotisch. Doch, wir kommen an. Ein großer Bus steht vor uns. Das Reiseziel, die Richtung zumindest, stimmt. Wir tauchen ein in den Trubel, unser Gepäck wird einfach mit Filzstift beschriftet und verschwindet in den Eingeweiden des Busses. Wir finden im hinteren Bereich noch Platz. Viele Verkäufer wuseln im Inneren noch herum, bis zuletzt versuchen sie, ihre Waren zu verkaufen. Sehr oft werden kleine Plastiktüten mit Wasser angeboten. Früher ist es wohl zu gewesen, dass Gäste immer mit einem Becher Wasser empfangen worden sind. Aus Gründen der Hygiene hat die Regierung dies abschaffen wollen und diese Plastikpacks mit Wasser ins Leben gerufen. Die vielleicht nicht bedachte Folge, überall liegen diese ausgelutschten Teile herum. Fast alle Leute, die wir beobachtet haben, trinken in dieser Form. Der Beutel wird aufgebissen, mit Drücken und Saugen entleert, der Abfall dann mit größter Selbstverständlichkeit aus dem Fenster geworfen. Diese Spuren haben wir fast überall auf unserer Reise gesehen. Vor Abfahrt hält ein Priester eine emphatische Rede, unterstrichen von heftigen Gebärden. Die Insassen rufen gelegentlich ein Amen und heben zum Gesang an, wenn sie dazu aufgefordert werden. Wir warten auf die Abfahrt, aber, Busse fahren in Ghana nicht nach Fahrplan, sondern erst wenn sie voll sind. Endlich ist die kreischende Stimme des Priesters ruhig, Umschläge werden verteilt, damit man seine Spende diskret an den Priester zurückgeben kann. Wir fahren endlich ab, doch plötzlich schwingt vorne schon wieder einer eine Rede. Nach unserer Einschätzung eine Mischung aus Entertainer, Verkäufer und Priester. Er verteilt auch Pillen, wir können es nicht ergründen, es bleibt ein skurriler Eindruck zurück: ein Scharlatan, der heilige Medizin verteilt/verkauft???
Langsam quetscht sich der Bus aus Accra heraus. Neben Konstanze sitzt eine Schwarze mit ausgeprägtem Schmollmund, der während der Fahrt nach vorne kippt und über dem ausladenden Busen schwebt. Dieser wird immer wieder durch die Fahrbewegungen des Busses erschüttert. Ich habe dabei die Assoziation von Wackelpudding. An meiner Flanke sitzt eine traditionell gekleidete Ghanaerin, herausgeputzt mit vielen goldenen Applikatioen. Sie wohnt in Holland und kommt auf Besuch. Ihr Angebot, Essen von Ihr anzunehmen, lehne ich mit Hinweis auf Immodium ab. Wir nähern uns Cape Coast, doch der Bus hält nicht, so werden wir geringfügig später an der Straße herausgelassen. Wir gehen zum Strand - oder auch der öffentlichen Toilette der einheimischen Bevölkerung, die am Straßenrand ihre Hütten stehen haben. Im Schatten inspizieren wir den Reiseführer und die Landkarte, haben wir doch mittlerweile gemerkt, dass Taxifahrer in Ghana – Entschuldigung die Direktheit – oft keinen blanken Schimmer haben. Wir winken ein Taxi an den Straßenrand: folgender Text ist zu hören: „Ich kenne den Weg, die Unterkunft auch!“ Kaum ist der Fuß auf dem Gaspedal, ändert sich der Gesichtsausdruck, denn er hat doch keine Ahnung…. Entschuldigend muß ich hinzufügen, dass wir mit den Taxis, die uns in der Städten zu den Busbahnhöfen gebracht haben, sehr zufrieden waren. Mit der Landkarte in der Hand führen wir ihn, wir verfahren uns – schon will er mehr Geld. Ankunft im Ressort, fünf Rundhütten lieblich in die Palmenlandschaft integriert. Wir sind voll zufrieden und wollen nun nach Accra die Ruhe genießen. Die laut Reiseführer deutsche Leitung ist nun holländisch. Es gibt kein Wort der Begrüßung, wir werden ignoriert – warum? Wir lassen uns dadurch aber nicht länger ärgern, geniessen den Strand…

01. Dezember - Dienstag
Wir unternehmen einen Strandspaziergang zu den zwei benachbarten Fischerdörfern. Im zweiten Dorf machen wir Rast an einer Schule, singen und spielen mit den Kindern. Englisch-Lesson auf ghanaisch: tanzend und singend mit entsprechenden Gesten hören wir: „this are my ears, this is my nose etc. Bei „this is my stomach and my butt“ hüpfen sie wild umher, lachen und klopfen sich auf den Hintern. Dabei mache ich doch gerne mit, was die Komik noch verstärkt. Erst später erzählt mir Konstanze, dass die Lehrerin im Hintergrund dabei gelächelt hat, zwischendurch hat sie einige Kinder wieder zu Unterricht ermahnt, ist dabei aber wohl nicht böse gewesen. Sicher hätten wir hier auch mit in den Klassenraum gehen können. Doch wir sind noch vorsichtig, wollen uns nicht zu sehr aufdrängen. Dieses Gefühl begleitet uns auch im anderen Dorf, wo wir verhalten betrachtet werden. Es wirkt nicht direkt unfreundlich, ist aber schwer einzuordnen. Wir wollen Wasser kaufen, eine Frau, die gerade Babybrei anrührt, führt uns zu einem kleinen Laden, wo wir die letzte Flasche Wasser kaufen. Ich genehmige mir auch einen Saft, der im Verhältnis aber ziemlich teuer ist. Sicher hätten wir auch mit dieser Frau, die uns geführt hat, mehr in Kontakt treten können, doch die Unsicherheit hat uns noch im Griff. Nachmittags faulenzen wir am Strand, doch schon bald gesellen sich acht Kinder dazu. Das Ressort lässt es zu, dass die Dorfkinder mit den Gästen in Kontakt treten. Sie betteln auch nicht, wollen Dir natürlich gerne eine Kokusnuss verkaufen. Nun sind sie bei uns: sie betrachten unsere Reiseführer, sind begeistert von Bildern, die Landkarte wird ausgebreitet. Konstanze Buch wird auf dem Kopf gelesen, wir haben das Gefühl, dass sie noch ein Buch in der Hand gehalten haben. Nach meinem Augen-, Ohr- und Nasespiel gehe ich dazu über, dass alle die schreiben können, ihre Namen aufschreiben. Dann lasse ich dahinter das Alter schreiben, wobei ich immer vorweg gehe. Anschließend versuche ich, mit diesen Zahlen Rechenaufgaben zu gestalten. Der Segelschulprospekt wird mit seinen Bildern ungläubig bestaunt. Wahrscheinlich halten sie das Bild, wo wir alle auf der Optiinsel zum Essen sitzen für meine Familie. Denn die gewünschte Anzahl der Kinder pro Eltern bewegt sich nach unseren Fragen zwischen sechs und acht. Traurig, so haben wir das Gefühl nehmen die Kinder abends von uns Abschied, sie wissen, dass wir Morgen weiterziehen. Ihre Berührungen, ihre Unverdorbenheit, nicht zu betteln, bewegen uns.

02. Dezember - Mittwoch
Mit dem Taxi fahren wir nach Cape Coast in das Blue-Yellow-Hostel. Es ist tatsächlich blau und gelb gestrichen, hat aber nichts mit Schweden zu tun. Ist aber auffällig. Nach Aussage des Reiseführers soll auch hier deutsch – ghanaische Initiative. Rundreisen und Exkursionen seien hier erhältlich.. Die Initiative relativiert sich, ein deutscher Professor hat wohl von hier aus einige Projekt geleitet. Ein Bildband wir uns stolz präsentiert. Aktuell läuft aber nix. Andy, ein Schweizer ist meiner Ghanaerin verheiratet, sie leiten das Hostel. Zur Zeit sind aber nur wenig Besucher da. Das Haus weist Gebrauchsspuren auf, die an kubanisches Flair erinnern. Andy erklärt uns die Schwierigkeiten. Qualität von Beton, Verputz und Farbe seien schlecht und schwer zu bekommen. Maurer verdienen 12 Cedits am Tag – 6 € - und müssen immer wieder ausgewechselt werden. Es funktioniert nichts, wenn man sich nicht mit dem „Chief“ ins Einvernehmen setzt, alte Stammesstrukturen und aufgesetzte Behördenvorschriften konkurrieren mit einander. Dazu kommt Mangelwirtschaft, wacklige Stromversorgung und lückenhafte Infrastruktur, es entsteht langsam ein Bild… Wir sind glücklich, Andy zu treffen und so tiefer gehende Informationen zu bekommen.
Mit einem „shared Taxi“ machen wir uns auf den Weg. Diese Taxis sind sehr billig, sie fahren auf einer festen Strecke, unterwegs besteht immer wieder die Möglichkeit ein- oder auszusteigen. Zwei Finger nach unten gehalten und leicht geschüttelt heißt: wir brauchen zwei Plätze. In der Innenstadt gehen wir das leidige Thema Geldwechseln an. Bei den Banken sind wir erfolglos, in einem Forex-Büro bekommen wir schließlich einen guten Kurs. So sind wir für die nächsten Tage ausgestattet und machen uns Richtung „Castle“ auf, einer der vielen Sklavenburgen, die hier über die Küste verstreut sind. Umschlagplätze für den Sklavenhandel. Wir schließen uns einer Tour durch die Verliese an. Im Groben ist uns ja die Geschichte bekannt, doch als wir in den dunklen, engen Räumen stehen, uns die Fakten genannt werden, wie viele Menschen hier zusammen gepfercht worden sind, kommt das Grauen auf leisen Sohlen. Es gibt eine Rinne, in der alle Ausscheidungen wieder abgeflossen sind. Es gibt auch noch engere Räume, in die dann die Kranken und Siechenden verlegt worden sind. Frauen sind zuweilen herausgepickt worden, um sie der besonderen Verwendung des Wachpersonals zu zuführen. Wir stehen an einer Beobachtungsluke, die den Blick auf einen Gang freigibt. Hier sind die Sklaven zum letzten Mal gemustert worden, bevor sie durch das Tor „of no return“ in die Schiffe verfrachtet worden sind. Filmen ist in den dunklen Räumen nicht möglich, so nehme ich nur das Brenneisen auf, das zur Kennzeichnung der Sklaven gedient hat. Draußen herrscht blauer Himmel, die schönen weißen Wände der Festung, nebenan ein pittoreskes Fischerdorf und dennoch ein Ort großer geschichtlicher Grausamkeit. Ich mache mir klar, in welch behüteter Zeit und Umgebung wir wohnen. So gönnen wir uns eine kleine Zeit der Besinnung und Wasseraufnahme, bevor wir uns in den Trubel der zurückkehrenden Fischer stürzen wollen. Das folkloristische Bild, das wir von der Festung aus gesehen haben, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Menschen sehr arm sind, ihre Körperpflege, Wäsche waschen und wahrscheinlich auch sämtliche Abwässer werden dem Atlantik anvertraut. Wir schauen den Pirogen zu, die am Horizont auftauchen. Einbäume mit einem seltsamen Rigg, zwei dünne Stangen, die nicht einmal mittig stehen, dazwischen ein mehr oder weniger viereckiges Stück Stoff. Ich taufe es für mich auf Taschentuchrigg. Zwei dünne Stangen, die im unteren Bereich über Kreuz gehen, oben weit auseinander klaffen. Vor dem Wind werden die Segelköpfe an den Stangen befestigt, bei halbem Wind sind die Stangen auch in Längsrichtung verschränkt, es einen vorderen und hinteren Befestigungspunkt für die Köpfe gibt. Der Hals wird am Bug befestigt und das Schothorn frei gefahren. Kurz vor dem Ufer fällt das Segel, die Pirogen werden dann unter Einsatz aller Muskelkraft (20 bis 30 Personen) an Land gezogen. Beim Start ist es noch dramatischer, weil die Boote im rechten Winkel zur Brandung gehalten werden müssen, um dann mit Schieben, Ausrichtung über mehrere Enden, der Einbaum durch die Brandung gepaddelt werden muss. Es gibt aber schon Außenborder, die seitlich am Heck angebracht werden. So schlendern wir an der Straße hinter dem Fischerdorf entlang, werden beäugt und äugen zurück, suchen aber eigentlich einen Durchgang zum Wasser. Sobald sich aber eine Lücke zwischen den Hütten zeigt, ist dieser Weg von Abfall übersät, ein „kloakisches No-Go“! Wir finden dann doch eine Lücke, wo ein Treppe hinunterführt, die aber plötzlich vor einem Abgrund endet. So setzten wir uns dort nieder, sind sofort von Kindern umringt. Auf dem Rückweg – Richtung Festung – finden wir eine Möglichkeit, direkt ans Wasser zu gelangen. Irgendwie stehen wir dann dem Aufslippen der Boote im Weg, werden sofort von einer mächtigen Stimme vertrieben. Auf einer kleinen erhöhten Plattform, wo Fischer sitzen und ihre Netze reparieren, finden wir dann noch einen kleinen Beobachtungsposten. Wieder ist das Verhalten der Erwachsenen etwas beklemmend für uns, wir werden ignoriert, wir fühlen uns etwas Fehl am Platze. Allein die Kinder, die auf einer Treppe Fisch hochbringen, lächeln uns zu, zeigen stolz zwei Tintenfische. In einem Strandrestaurant lernen wir David kennen, der in einem Buchladen, der mir vorher schon aufgefallen ist, arbeitet. Wir besuchen ihn später, dabei zeigt er uns stolz die deutschen Bücher. Unter anderen: „Roter Adler an Afrikas Küsten“: die 36jährige Kolonialgeschichte Brandenburgs in Ghana. Er sagt auf der dortigen Festung in Prince Town könnten wir übernachten.
Zwei ältere Herren helfen uns, ein Taxi zu stoppen, schon sind wir auf dem Rückweg ins Hostel. Ältere, gut gekleidete Herren – ohne Goldkette – so scheint mir, sind die freundlichsten Helfer. Ein weiterer Herr kreuzt meine Wege, ich bedeute ihm doch vor mir zu gehen. Da gibt er ein strahlendes Lächeln zurück – ich weiß gar nicht mehr, wie es ausgegangen ist, doch es ist eine kurze Begegnung des gegenseitigen Respekts gewesen.
Abends wollen wir bei uns Essen bestellen, es dauert wieder sehr lange, dann kommt Sheela, die Bedienung, serviert, und entschuldigt sich, dass es nur ein Stück Hähnchen gäbe. Später setzen wir uns mit Mutter und Tochter zusammen, die zur Zeit auch Gäste im Hostel sind. Sie stammen aus der Gegend um Stuttgart. Die Tochter ist schon zum dritten Mal in Ghana. Sie haben zusammen in einer ghanaischen Familie gelebt. Wir lassen uns von ihrer Tour erzählen, die sie hier in der Gegend gemacht haben.

03.Dezember - Donnerstag
Wir starten zur gleichen Tour. Mit dem Taxis geht es über eine Stunde in den Kakoumpark. Dort warten Hängebrücken, die teilweise 40 Meter über dem Abgrund verlaufen auf schwindelfreie Betreter. Das ganze ist eingebettet in ein Projekt, das den Menschen das Verhältnis zwischen Regenwald, Tieren und Menschen vor Augen führen soll. Besonders für Schulklassen gedacht, hat es aber gerade auch für Touristen seinen Vorteil, weil wir im Eingangsbereich mit einem Rundgang durch Schautafeln und Bildern auf die Situation eingestimmt werden. So gibt es Boxen, die aus mehreren hintereinander gelegenen Seiten bestehen. Zunächst ein Fragestellung, ein Lösungsangebot und die Folgen. In Erinnerung bleibt uns auf die Problemstellung „Elefanten zerstören Pflanzungen“ die Fragestellung: „Elefanten töten“?, die Antwortseite: „dann bleiben die Touristen weg!“. Dann stehe wir auf der Schwindelbrücke: ein schmaler Gehsteig, der zum Passgang auffordert, schulterhohes Netz an beiden Seiten. Es schwankt, mir ist mulmig, obwohl nix passieren kann. So führen diese Wege von einer Plattform zur nächsten. Du darfst erst losgehen, wenn der andere schon die Hälfte hinter sich hat. So schwanke ich völlig nüchtern in luftiger Höhe über dem Dschungel. Wir treffen auf zwei deutsche Frauen, von denen eine in Ghana im Krankenhaus arbeitet. Sie möchte gerne ihre Zeit verlängern oder wiederkommen. So treffen wir auch später viele vermeintliche Touristen, die aber in Ghana arbeiten. Der Normaltourist unserer Art scheint noch nicht weit verbreitet.
Am Boden geht es mit Baumkunde weiter. Wir haben Ehrfurcht vor den großen Bäumen,
haben wir doch gerade eine schöne Esche an der Segelschule durch Pilzbefall verloren. Wo die Natur oft 100 oder mehr Jahre arbeitet, schlachtet der Mensch in kurzer Zeit. Doch auch die Bäume selbst stehen im Kampf: die Würgefeige. Ihr Samen landet über Vogelkot in der Krone, entwickelt Luftwurzeln, die nach unten arbeiten, sich um den Wirtsbaum schlängeln und diesen schließlich aufzehren. Später bekomme ich ein Faltblatt in die Hände, in dem über 90 Bäume beschrieben werden mit Hinblick darauf, was aus ihnen gewonnen werden kann.
Unsere zweite Station an diesem Tag: eine Tierauffangstation eines holländischen Paares – Dennis und Annette -. Sie haben einen Hügel gekauft (?), den sie mit Wegen, Käfigen, Freiluftgehegen in relativ kleinem Umfang bebaut haben. Oben auf der Spitze wollen sie Gemüse ziehen, dort eine Bar einrichten und neben ihrem Hauptgebäude Unterkünfte für Touristen schaffen. Sie nehmen verwaiste Tiere auf, die in der Natur keine Überlebenschance mehr haben, auf. Ein Problem stellt wohl die „grüne Mamba“ dar, sie versuchen sie durch Zwiebelgeruch zu vertreiben. Ohne Strom und Wasser auf einem Berg zu leben, sich der Rettung von Tieren zu verschreiben (Affen und kleinere Säugetiere), welch ein Lebensplan! Im Gespräch mit Annette fällt uns die distanzierte Haltung zu Ghana und dessen Bevölkerung auf. Konstanze und ich unterhalten uns, ob solche Projekte gewertet werden können. Sollte man sich nicht in erster Linie um die Menschen kümmern?
Weiter geht es zu „Hans Cottage“ – ein Ressort, in dem in einem großen See bis zu 40 Krokodile leben sollen. Der Empfang ist enttäuschend, die Anlage macht einen verwaisten Eindruck. Doch das Anfassen ein Krokodils, das frei vor Dir liegt, bringt bei uns schon ein mulmiges Gefühl hervor. Wenn uns auch zugesichert wird, dass es satt ist und keinerlei Bereitschaft zur plötzlichen Nahrungsaufnahme verspürt – so unsere ihren Bauch streichelnde Hand. Zwei Meter hinter uns ein kleiner Kanal, das vorher gekaufte Hühnerfleisch wird von einer Schwarzen am Stock an ein Krokodil verfüttert. Einen Rundgang um den See durch hohes Gras und ohne Begleitung wollen wir dann auch lieber nicht antreten.
Den Abschluss unserer Tour bildet das Oasis-Restaurant, direkt am Strand von Cape Coast. Von einer kleinen Veranda aus haben wir direkten Blick auf die Brandung. Neben einem Fischerboot entdecken wir plötzlich mehrere Schweine, die im Sand wühlen. Eine Schulklasse findet sich ein, praktischer Unterricht im Freien? Im Hintergrund erhebt sich die Festung. Eine Wasserverkäuferin drängt sich penetrant an unseren Tisch – Neugier gepaart mit der bitteren Notwendigkeit, Geld zu verdienen – Laut Reiseführer leben 75 % der Bevölkerung in Armut (weniger als 2 $ pro Tag).
Zurück im Hostel kommt es zur Modenschau. Unsere Polaroid-Kamera macht Furore. Scheela, die Tochter, will sich erst umziehen, bevor wir sie ablichten. Andy’s Familie versammelt sich, auch seine Frau und der Nachtwächter Anthony strahlen in das Objektiv. Voller Freude nehmen sie die Fotos entgegen.

04. Dezember – Freitag
Mit einem Taxi geht es zum Busbahnhof. Jetzt beginnt das große Warten. Es ist heiß, draußen wird eine Musikanlage aufgebaut. Musik aus Lautsprechern gehört in den großen Städten zum allgemeinen Lärmpegel. Auch im Bus plärrt das Radio – alles übersteuert. Verkäuferrinnen belagern uns. Hitze und Krach zerren an den Nerven. Neben mir eine Mutter mit Kleinkind, das mich mit großen Augen anstarrt und mit Vorliebe in meine Arme kneift und Haare ausreißen will. Konstanze in der Mitte des Busses eingepfercht gibt Warnung: lange halte ich es nicht mehr aus, kann sein, dass ich gleich den Bus verlassen muss. Ich blicke aus dem Fenster, geräucherter, riechender Fisch wird an meiner Nase vorbei getragen, in meinem Kopf bildet sich der Kommentar: „Danke, mir ist schon schlecht“. Endlich: es geht los. Sinneseindrücke: die Mutter neben mir greift mit der Hand in einen Plastiksack und schiebt sich und dem Kind ein graue, gekochte Masse in den Mund, bedenkliche Duftsignale erreichen mein Riechorgang, ich muß wegblicken. Die gleiche Hand der Frau wechselt bei dem Kind die Windeln – ich bemühe mich, meine Sinneswahrnehmungen gegen Null zu schrauben. Doch die Fahrt verläuft ganz gut, bis auf einen kurzen Stop, bei dem eine Kombizange den Motor zum Weitermachen überreden kann. In Kumasi steigt ein netter Mann mit uns aus, damit wir unser Hotel auch sicher erreichen. Wir sind unsicher, ob wir diesen Akt als reine Nettigkeit annehmen können. So verdattert stehen wir am Hotel, dass wir ihm nicht einmal richtig „Danke“ sagen. Nach kurzer Orientierung wollen wir in die Stadt aufbrechen. Zwei junge Frauen – Hotelangestellte – rufen ein Taxis und nehmen uns mit. Bei uns kräuseln sich die Nackenhaare, denken wir wieder daran, wie wir heil zurück kommen. Die Hitze setzt mir besonders zu, so landen wir in einem Café/Reataurant im Zentrum, das hauptsächlich von Ausländern bevölkert wird und unter Leitung einer Inderin steht. Ich genieße eine herrliche Chilli-Knoblauch-Sauce.
Abends können wir zum ersten Mal an einer Straßenbar Platz nehmen. Nebenan wird eine Musikkapelle aufgebaut. Die Beleuchtung ist mehr als spärlich – wir sitzen fast im Dunkeln, um uns herum nur schwarze Menschen, ein bizarres Schattenspiel für uns, bei weißen Gesichtern hätten wir mehr gesehen. So sitzen wir im ungewohnten Schattenreich, nur das Weiß der Augen und der Zähne blitzt zuweilen auf. Ein Schwarzer bittet uns an seinen Tisch, redet aber nicht. Irgendwann gibt er etwas Bier von sich. Die Big-Band mit Gesang spielt langsam auf.

05. Dezember - Samstag
Wieder am Busbahnhof. Unser Taxi hat sich verkehrt eingefädelt, muss noch eine Runde fahren und 5 Cedits Strafe zahlen. Es ist trubelig, unübersichtlich, groß voller Menschen und Minibussen. Während der Wartezeit, stehe ich draußen am Bus, rauchend, weiche den Verkäuferinnen aus, deren Kopflasten knapp mein Schläfen passieren. Da wir wieder die einzigen Weißen in diesem Umfeld sind, kommen die Menschen teilweise neugierig auf uns zu. Einer, der sich als Mann für alle Fälle, bezeichnet; Gäste zu den entsprechenden Bussen führt, möchte mein Telefonnummer, versucht auch gleich anzurufen, die internationale Vorwahl dabei weglassend. Warum die Telefonnummer? In Ghana ist dies wohl die einzige Möglichkeit, um Leute, die entfernt wohnen, schnell zu erreichen. Die Postzustellung ist schwierig, oft existieren nur Postfächer in einem größeren Ort, die dann irgendwann geleert werden müssen. Richtige Adressen, Hausnummern sind kaum auszumachen. Das Festnetz ist nur sehr unzureichend. So hat das Handy eine überragende Bedeutung in der Kommunikation. Im Straßenbild dann auch nicht zur übersehen: Vodaphone, diese Gesellschaft sponsert rote Farbe….So gibt es auf jeder Straße mehrere Hütten oder Stände, die in dieser Farbe mit dem entsprechenden Schriftzug gestaltet sind.
Jedenfalls gebe ich den Leute auf dem Busbahnhof meinen Segelschulsprospekt, wir sehen sie dann in Grüppchen stehen. Wir machen uns Gedanken, was diese Menschen wohl mit den Bildern anfangen können. Jedenfalls ist dies kein Akt der gezielten Kundenwerbung.
Unser Bus startet, Verkehrschaos, träge schieben wir uns über lange Zeit aus der Station heraus. Die Fahrt verläuft dann im gewohnten Trance. Die Erde wird rot, die Landschaft hügeliger. Nkoranza ist unser Ziel, hier wollen wir eine Dorf des Projektes „Operation hand in hand“ besuchen. Im Ort organisieren wir ein Taxi. Konstanze lernt zu handeln, so steigen wir erst in das zweite ein. Es ist eine schöne Anlage. Auch hier wird versucht, Projekt zu finanzieren, indem ein gewisser Tourismus eingebunden wird, in dem Unterkünfte für sie erstellt werden. In unserem Raum liegen auch Informationen über das Projekt aus. In diesem Dorf leben behinderte Kinder mit ihren Betreuern in Häusern zusammen, es gibt gemeinsames Essen, Spiele, und Einbindung von Jugendlichen, die zur Schule gehen. Behinderte Kinder werden in Ghana oft ausgesetzt, dem Wassergeist geopfert. Allerdings gibt es kaum eine Moderation zwischen dem Projekt und den Gästen. So versuchen wir selbst, ein wenig Kontakt zu knüpfen. Die Kinder kommen auch auf uns zu, doch haben wir keine Erfahrung mit dem Umgang, mit unseren hilflosen Gesten können wir nicht viel erreichen. Konstanze wird sogar von einem Kind gebissen. Jedoch bekommen wir Kontakt zu Bob, eigentlich Robert. Er ist der Ehemann von Ineke Bosmann, die zur Leitung der Anlage gehört. Er scherzt mit uns, speziell mit Konstanze schäkert er auf sympathische Weise, einen Song auf den Lippen swingt er sie an. Dann führt er uns in seine privaten Gemächer. Nach meiner Erinnerung ist er ein jüdischer Amerikaner, seine Lebensgeschichte hängt im Schlafzimmer in Form vieler Fotos. Es ist ein sehr interessantes Rundhaus im Rundhaus, wir sind beeindruckt. Seine Bibliothek umfasst auch Werke von Thomas Mann und Brecht. Ein Mann – sein Wesen – ein Erlebnis. Versorgt werden wir über das Dorf, dessen Minirestaurant einfaches Essen in minimalen Portionen bietet. In dem kleinen Shop erwerben wir Dinge, die von den Kindern hergestellt worden sind. Dort steht auch zu meiner Überraschung ein Phalanx von Weinflaschen, kalifornischen Ursprungs…warmer Wein aus Urinflaschen….

06. Dezember – Sonntag
Nach einem Frühstück – wie zumeist Omelette und in diesem Fall gut schmeckendes, selbstgebackenes Brot – fahren wir mit einem Taxi die lange Strecke zum Buabeng-Fiema Affenreservat. Hier leben Mona-Meerkatzen und Weißbart-Stummelaffen durch ein religiöses Tabu geschützt. In einem Office müssen wir uns anmelden, tragen unsere Namen in eine Riesenkladde ein, folgen dann der Führerin, die auf mich einen ziemlich unmotivierten Eindruck macht. Es gilt Erdnüsse zu kaufen, um die Affen zu füttern. Die erste Art ist recht gut zu beobachten, während die zweite sehr scheu ist, sich nur mit Glück sichten lässt. Das Angebot, den Chief des Dorfes gegen entsprechende Bezahlung zum Öffnen seiner Tür zu animieren, schlagen wir aus.
Zurück in unserer Unterkunft genießen wir den Nachmittag mit Lesen und kalifornischem, warmem Wein. Abends trauen wir uns, einen kleinen Spaziergang im Dunkeln durch das kleine Dorf zu unternehmen.

07. Dezember – Montag
Nach dem Frühstück machen wir uns zu Fuß auf den Weg zu der Stelle, wo die Busse abfahren. Wir haben Glück, der Bus ist fast voll, wir fahren zurück nach Kumasi. Hier gönnen wir uns ein teures Hotel mit fließend Warmwasser, das man wirklich nicht braucht. Endlich können wir auch die Post aufsuchen, um unsere fünf Postkarten auf den Weg zu schicken. Anstellen am Schalter, Briefmarken erstehen, Karten in den richtigen Kasten werfen. Etwas umständlich, weil es wohl nur bei der Post möglich ist, Marken zu bekommen. An den Wänden lange Reihen von Postboxen, wo die Leute ihre Sendungen abholen. Wir wechseln noch einmal Geld und begeben uns zu einem Kulturzentrum. In einem kleinen Restaurant werden wir von einem netten Kellner bedient, sehen eine kleine Reisegruppe wieder, die wir auch kurz in dem Kinderdorf getroffen haben. In einem Weberhaus kaufen wir dann zwei kleine Freundschaftsbänder und bekommen eine Übersicht über die gebräuchlichen Symbole Ghanas. Auf unserem Rückmarsch nähern wir uns auch dem Markt, es soll der größte seiner Art in Westafrika sein. Wir kommen aber nur in die Randgebiete, die Enge der Stände nach der Struktur eines Labyrinthes angeordnet, lässt uns zurückschrecken. Hier muss man wohlgestärkt, im Kampfanzug mit Geheimkamera hinein….Wir wandern weiter zurück, beobachten die Busstation von oben. An der Straße nimmt mich ein kleines Kind an die Hand, die Mutter hat einen kleinen Stand auf der Straße. Mir ist unwohl, ist es nur Spaß oder mündet es in eine Bettelaktion? Schließlich landen wir wieder in dem uns bekannten Restaurant und können mit Genuss speisen. Dann tasten wir uns im Dunkeln – Dunkeln zurück zum Hotel…

08. Dezember – Dienstag
Früh bin ich auf. Es gibt kein Wasser. Auf meine Bemerkung: kein Wasser – weniger Geld für die Unterkunft, gibt es kein Verständnis. So lassen wir uns mit dem Taxi zur STC-Station bringen, der soll aber erst gegen 12 Uhr fahren. So landen wir wieder bei einem Minibus, der einen guten Eindruck macht. Sogar eine Klimaanlage (sprich: Lüftung) hat er. Wir haben etwas mehr Beinfreiheit und sind schnell aus der Stadt heraus. Wir malen uns bereits aus, dass wir noch einige Zeit haben werden, Takoradi näher anzuschauen, da platzt ein Reifen. Eine unbestimmte Zeit (gefühlte drei Stunden) verbringen wir am Straßenrand, bis ein Ersatzreifen gebracht wird. An Bord nimmt so etwas zuviel Platz weg. Die Zeit zieht sich, so ein bisschen komme ich mit den Mitreisenden, unter anderem drei typischen Muttis in Kontakt. Am Zielort lassen wir uns mit einem Taxi zum „Harbor View Point“ bringen, entgegen den Angaben des Reiseführers existiert dort leider keine Unterkunft mehr. Wir landen im „Queens Palace“. Aus dem Kühlschrank unseres Zimmers dringt schlechter Geruch und eine rötliche Flüssigkeit. An der Rezeption erkläre ich Kühlschrank und halte mir die Nase zu. Es gelingt, dieser wird gereinigt. Ein dunkles ungemütliches Zimmer – Toilette und Dusche auf dem Gang. Im überdachten Freiluftrestaurant thront ein Weißer, der keinen sympathischen Eindruck macht. Drei Mädels sind für die Bedienung zuständig. Weitere Gäste gibt es nicht. Wir trinken eine Kleinigkeit und beschließen auswärts zu essen. An einem größeren Hotel werden wir nach längerem Suchen fündig. Konstanze versucht sich mit einem Fufu-Gericht. Fufu ist ein klebriger Brei auf Maniokbasis, zuweilen kommen auch Kochbananen dazu. Neben uns nimmt eine Truppe Amerikaner Platz, kurze Hosen, Stoppelhaarschnitt, wahrscheinlich eine Arbeitsgruppe aus Ghana.
Zurück im Hotel genehmigen wir uns noch ein Fläschchen Smirnoff-Ice. Unter dem Kronenkorken zeichnet sich ein Rostring ab.
An der Rezeption gilt es nun ein Taxi für den nächsten Tag zu organisieren. Konstanze startet eine tolle Schmeichelaktion, indem sie mit den dortigen Männern über Fußball redet und die deutsche Sympathie mit der ghanaischen Mannschaft während der letzten Weltmeisterschaft bekundet.
Nachts zieht ein gewaltiges Gewitter über uns hinweg.

09. Dezember – Mittwoch
Auf der Suche nach Morgenkaffee durchstreifen wir die Straßen. An einer unscheinbaren Bude werden wir fündig. Hier werden Eier, Brot und Getränke verkauft. Drei ältere Frauen – eine hat uns schon vorher auf dem Weg nettfrech angesprochen – setzen sich zu uns. Die normalen Spielchen – Augenrollen, Namen aufschreiben – dann will eine meine Telefonnummer: „I call you!“. Auch an meiner Pfeife wollen sie nuckeln, was ich aber abwehren kann. Letztendlich werde ich aufgefordert, für alle den Kaffee zu bezahlen.
Unser Taxi kommt, für ausgehandelte 40 Cedits (20 €) geht es über eine Stunde Richtung „Safari Beach-Club“. Zum Schluss ist der Weg ungeteert und zerklüftet, letzteres wahrscheinlich durch heftige Regenfälle entstanden.
Wir erreichen unser „Beach-Ressort“, genießen einen ersten, teuren Kaffe, dazu „scrambled eggs. Außerdem bestelle ich „added bacon“ für 4,5 Cedits.
Die Anlage wirkt sehr natürlich, die Möbel sind aus Materialien der Gegend gebaut. Sie sind charmant windschief und strahlen ein romantischen Hemmingway-Charakter aus. Es wird genagelt, kunstfertige Holzverbindungen suchen wir vergebens. Unsere Hütte, direkt am Atlantik, wird von einem schönen Himmelbett beherrscht, Schrank und kleine Kommode aus Bambus runden das Bild ab. Im Hintergrund haben wir eine Außendusche und ein Plumpsklo, daneben einen Ascheimer. Die Seefront können wir mit der vierflügeligen Tür ganz öffnen. Zwei gemütliche Korbsessel laden zum Genießen ein. Neben einem deutschen Pärchen sind wir die einzigen Gäste, so können wir uns die Strandliegen aussuchen. Sie stehen unter Palmen und sind mit einem hölzernen Gitterdach geschützt. Neben all den anderen Gefahren der Tropen, soll das plötzliche Verscheiden durch herabfallende Kokosnüsse eine Spitzenstellung einnehmen. Das Wasser im Atlantik ist sehr warm, die Brandung haut Dich um, macht aber keine Angst. Beim ersten Strandspaziergang besuchen wir das nebenan gelegene „Green Turtle Beach-Ressort“, das mehr Backpacker-Ambiente ausstrahlt als unsere Luxusherberge. Für den nächsten Tag buchen wir eine Mangroven-Kanu-Tour, Turtle-Sichtungen bei Nacht sind auch möglich. Am Rand zum nächsten Dorf erleben wir, wie das Dorf gemeinsam ein riesiges Netz einholt. Den beginnenden Abend läuten wir durch zwei Cocktails ein: „Hemmingway“ und „Big Black“, ohne Eis….Das Abendessen – schon nachmittags bestellt – rundet den ersten Tag genüsslich ab: Vorspeise: „garlic bread mit Schrimps“, die ich gar nicht bemerke. Hauptspeise: „beef und Kartoffeln“. Nachspeise: „Pfannkuchen mit Honig“. Dazu wird eine Wein auf Südafrika gereicht.
Nachts unterhält uns ein tropisches Gewitter.

10. Dezember - Donnerstag
Alarmstart: unser Guide steht schon mit meiner Kamera vor der Tür. Diese gebe ich abends immer zum Aufladen im Restaurant ab, weil wir in unserer Hütte keine Steckdose haben. Mit forschem Schritt geht es Richtung Fischerdorf, bei uns noch ein französisches Pärchen. Zwischen Ziegen und Hütten geht es zu unserem Einbaum, wackliger Eindruck. Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt meine Kamerahülle immer wieder beschlagen. Im Takt der Paddelschläge ziehen wir an den Mangroven vorbei. Kingfischer und Tukan werden gesichtet. Leichter Nieselregen setzt ein, der Himmel spiegelt sich im Wasser. Wir entdecken eine größere Spinne, einen Salamander und gelbe Vögel, die in Hängenestern an den Bäumen leben. Bei der Rückkehr fällt der Fotoapparat der Französin ins Wasser…., unser Trinkgeld fällt mickrig aus, da die anderen viel mehr geben. Wir halten das nicht für gut, weil damit die Erwartungshaltung verändert wird. Die Einnahmen für die Tour gehen an einen „community-fond“, aus dem auch die Guides bezahlt werden.
Im Ressort planen wir mit John unseren Besuch beim „chief“ des Dorfes und der Schule. Danach lassen wir wieder die Seele baumeln, laben uns am schon gewohnten Cocktail. Als es Dunkel ist, brechen wir zum Turtlesichten auf, ich kann kaum etwas sehen, halte mich im Bereich der Brandung auf, weil mir das Weiß des brechenden Wassers etwas Orientierung gibt. Wir sehen nur Spuren, die Schilfkröten bleiben vor uns verborgen. Die Fischer bekommen hier inzwischen eine Entschädigung, wenn Schildkröten ihre Netze kaputt machen. Ansonsten sind die Strände immer wieder mit Krabbenlöchern übersäht.

11. Dezember - Freitag
In der Morgendämmerung nehme ich ein Bad im Atlantik. Bei Frühstück treffen wird das erste Mal auf den General Manager. Er will wissen, warum wir den Chief besuchen wollen. Es scheint ihm nicht recht zu sein. Vielleicht hat er Angst, das wir falsche Erwartungen auslösen, gleich ein Projekt starten wollen. So verzichten wir darauf. Schon bei Annäherung an das Dorf laufen uns Kinder entgegen, nehmen unsere Hände und laufen mit uns durch das Dorf. Die Hütte stehen derart dicht beieinander, dass wir das Gefühl haben, deren Intimsphäre allein beim Durchlaufen zu stören. Ich filme nur ganz verstohlen aus einiger Entfernung das idyllische Dorf. Über ein alte Holzbrücke kommen wir auf den Weg, der zur Schule führen soll. Dieser ist stark zerfurcht – wieder Produkt sintflutartiger Regelfälle – und erschreckend mit Abfall übersäht. An der Schule löst unser Erscheinen Chaos aus. Schreiend umlagern uns die Kinder. Als ich dann noch die Polaroid-Kamera zücke, ist es ganz aus, sie stürmen auf mich, jeder will ein Bild. Erfolglos versuche ich sie auf Abstand zu halten, damit wir eine größere Gruppe ablichten können. Schließlich kommen die Lehrer und führen und zu einem etwas ruhigeren Plätzchen hinter die Schule. Soweit sie dürfen drängen sich die nach vorne, um an diesem Ereignis teilhaben zu dürfen. So, wie wir die Informationen filtern können, arbeiten hier vier Lehrer mit 560 Schülern. Wir fragen uns, wie hier überhaupt Unterricht möglich ist, eigentlich rennen die Kinder nur umher. Beruhigt stellen wir später fest, das Schüler sich bei anderen Schulen auch in den Klassenräumen aufhalten. Es fehlt wie an allen Schulen vor allem an Schulheften und Schreibzeug. Zu gerne würde ich einer „normalen“ Schulstunde einmal beiwohnen. Wir hinterlassen bei den Lehrern eine Spende von 50 $ und werden prompt zur Fußballmeisterschaft der Schulen im nächsten Februar eingeladen. Mittags sind wir im „Safari-Beach“ zurück. Nach einem Mittagsimbiss versuchen wir mit Hilfe von John unsere Planungen für die nächsten Tage zu konkretisieren. Wir wollen in den Osten, ohne in Accra übernachten zu müssen. Ein letzter Abend direkt am Wasser, wir geniessen dieses Paradies im Rauschen des Atlantiks.

12. Dezember - Samstag
Marathon: Taxi-Bus-Taxi-Bus-Taxi.
Daniel bringt uns von 30 Cedits zur STC-Station. Während der Fahrt pflege ich immer wieder kurzen Small-Talk mit ihm, woraufhin er lacht, mir die Hand gibt und „Daddy“ ruft. Langsam lerne ich, beim Händeschütteln, die Hand so zu drehen, dass man zum Schluß mit dem Mittelfinger seiner Hand ein Schnappgeräusch mit dem Mittelfinger der anderen Hand erzeugen kann.
STC-Busse sollen pünktlich sein und feste Abfahrtszeiten haben. Wir sind früh da, bekommen unsere Tickets, allein der Bus ist noch nicht da. Wenn welche herumstehen, steht nicht dran, wohin sie fahren. Ich versuche, bei den Leuten nachzufragen, ob dies der Bus nach Accra sei, zweimal bekomme ich die Antwort „ja“, einmal „nein“. So schlendre ich herum, filme unter anderem Plastiktüten von Karstadt und Spar, die hier an Ständen verkauft werden. Sofort kommt ein Offizieller, der mich fragt, was ich dort tue. Im Gespräch kann ich dann aber immer wieder ein freundliches Niveau erreichen, doch, sie sind misstrauisch. So filme ich auch zwei Plakate, auf denen Beerdigungsfeiern angekündigt werden. Das sind teure Angelegenheiten, weil sie als großes Fest mit Musik und Verzehr ausgerichtet werden – ein großes gesellschaftliches Ereignis. Deshalb werden die Leichen manchmal auch in Kühlhäusern gelagert, bis das nötige Geld zusammen gespart ist. Die Lagerung kostet natürlich auch Geld – ich denke an die Stromausfälle. Eine Stunde zu spät, wir starten, haben komfortablen Platz. Nach einer ruhigen Fahrt dauert es ewig, bis wir unsere Station erreicht haben. Konstanze wird nervös, sie möchte nicht im Dunkeln in Akosombo ankommen. Sie macht auch eine Entdeckung auf dem Busbahnhof: Urinal für Frauen – lecker! Mit dem Taxi geht es nun quer durch Accra zur nächsten Station. Wieder dauert es seine Zeit, bis der Minibus voll ist. Schließlich murmelt der Fahrer noch ein Gebet, bevor es losgeht. Unser Fahrer fährt leider sehr langsam und vorsichtig, die ohnehin schon lange Zeit, die man braucht, um Accra zu verlassen, dehnt sich immer weiter. Die ersten Berge tauchen in der Dämmerung auf. Wir versuchen zu erklären, wo wir raus wollen, um dann mit dem Taxi zum Guesthouse zu fahren. Im Ort Aximpulo fragen wir nach, ob wir hier ein Taxi bekommen können, es ist bereits stockdunkel. Als sie Taxi und Hotel hören, werden wir wieder in den Bus verfrachtet und später scheinbar wahllos vor irgendeinem Hotel herausgelassen. Es sieht teuer aus, wir wollen aber das von uns herausgesuchte. Im Dunkeln an der Straße warten wir auf ein Taxi. Als endlich eines kommt, will er uns im Dunkeln nicht über die Straße gehen lassen, weil viele Autos nachts auch ohne Licht fahren. Der Taxifahrer will 10 Cedits, uns ist schon alles wurscht, weil wir kaputt sind. Zunächst fährt er 200 Meter ins Dorf, stellt dort den Motor ab. Er beginnt mit einem Verkaufsgespräch, wohin er uns am nächsten Tag fahren kann, inklusive einer touristischen Fährfahrt. Konstanze ist genervt, wir sagen ihm, er soll uns seine Telefonnummer geben, wir rufen ihn an. Er solle uns doch jetzt endlich ins „Aylos Bay“. Er fährt mit uns in die Richtung, aus der wir gekommen sind, und siehe da: keine 200 Meter hinter der Stelle, wo wir gestanden haben, geht es zu unserem Guesthouse. Der Taxifahrer verzichtet auf die Hälfte des Geldes und nimmt 5 Cedits für die 500 Meter! Wir haben keine Kraft mehr, um zu diskutieren, streichen diesen Menschen aber von unserer Liste notwendiger Bekanntschaften. Wir wollen nur noch Ruhe, etwas zu essen. Das Ressort, direkt am Volta-River gelegen, macht einen netten Eindruck.

13. Dezember - Sonntag
Unser Ressort gefällt uns, das Essen scheint weithin bekannt zu sein, es kommen tagsüber Leute von außerhalb, um hier zu essen. Kleine Holzbrücken führen zu windschiefen, überdachten Pontons, wo man verweilen kann. Auf dem Fluss rudern Schwarze mit ihren Einbäumen, bieten kleine Touren an. Die Unterkunft ist sauber und geräumig. Die Außentüren sind oft mit Schnitzwerk versehen. Durch das Gelände führen Muschelwege, Muscheln, die mit ihrer Oberseite im Beton eingelassen sind. Die ganze Anlage macht einen gepflegten Eindruck, ständig wird mit den Reisigbesen auch über die Tische gefegt. Eine deutsche Frau versucht sich, ein Kind auf den Rücken zu binden. Als es nicht klappt, meint sie, ihr fehle der Sattel – gemeint ist der ausladende Hintern der Schwarzen. Wir sehen die seltsame Truppe von Belgiern wieder, die wir schon im Kinderheim gesehen haben. Die Aussicht am Fluss, der Ausblick auf die Brücke mit ihrem hohen Bogen, das wechselnde Publikum – hier können wir es aushalten. Doch wir wollen die Akosombo-Staudamm besuchen. Wir brauchen ein „Permit“, das zwei Kilometer vorher in einem Büro besorgt werden kann. Die Taxifahrer wissen das. Trotzdem setzt unser Taxifahrer uns direkt vor der Schranke am Damm ab. Der dortige Portier versucht noch durch Telefonieren, ob wir ohne Erlaubnis hindurch dürfen. Nein, wir dürfen 2 Kilometer zurücklaufen. Immerhin haben wir dabei zuweilen einen netten Ausblick auf den unteren Volta-See. Auf einem Hof erblicke ich eine Ansammlung von Geiern unter Ziegen. Dann filme ich eine Feuerwehrauto, woraufhin einer der Angestellten noch einmal extra Position vor dem Wagen bezieht. Im Büro angekommen, gibt es wieder lange Wartezeiten. Dort können wir uns aber an Hand einiger Bilder über die Geschichte des Dammes informieren. Wir bekommen ein internes Taxi mit Guide, der auch kompetent sehr viel erklären kann. Der Staudamm stellt die Energiequelle Nr. 1 für Ghana dar. Er ist ohne Zement von Italienern gebaut worden. Allerdings führt die Klimaveränderung – das Ausbleiben der kleineren Regenzeit - zu Engpässen..
Nach dieser nette Besichtigung steigen wir in das übelste Tax „you ever seen“. Es lässt ich nur über Kurzschluss der heraushängenden Kabel filmreif starten, die Windschutzscheibe ist mit Rissen übersäht. Der klapprige Allgemeinzustand lässt das Fortkommen wie ein Wunder erscheinen. Wir wollen zu dem Fährhafen, wo die Touren nach Norden starten, Konstanze träumt immer noch davon, an unserer ursprünglich geplanten Route anzuknüpfen. Eine Fähre nach Süden soll nicht mehr fahren. Der Hafen wirkt sehr öde, alles vergittert, keine Möglichkeit, sich gemütlich hin zu setzten. Es herrscht Niedrigwasser, deshalb werden bestimmte Häfen nicht mehr angelaufen, damit zerplatzen unsere Fahrpläne. Wir verhandeln mit unserem Driver, dass er uns für 10 Cedits zu unserer Lodge zurückbringt. Es geht heftig hin und her, dann möchte er von mir meine E-Mail-Adresse. Was er damit anzufangen gedenkt, ist mir schleierhaft. Ich erfinde: ralph@wonder.de. Zurück bestelle ich Essen mit Chili – ein Fehler in Ghana. Mir brennt nach einigen Bissen der Rachenraum derart, dass ich Weißbrot zum Abmildern bestelle. Die Bedienung kann das nicht begreifen, bringt vier Scheiben mit Butter und Marmelade. Was, will der Kerl zwischendurch noch frühstücken?

14. Dezember – Montag
Früh sind wir auf, laufen zum Tro-Tro, der auch sofort losfährt. Die Busfahrer schalten viel zu schnell hoch und zu spät wieder herunter. Wir kriechen eine Hügel hinauf, da – die Schaltung verabschiedet sich endgültig. Der Austausch mit einem neuen Tro-Tro geht schnell und leise vor sich, bis auf die Verhandlungen um das liebe Geld. Die Konkurrenz unter den Fahrern ist ziemlich hart. Da wird ein Fahrgast, der bei uns einsteigen will, recht rabiat weggerissen, weil er davor in das Tro-Tro einsteigen soll.. Wir beziehen in Ho unsere Unterkunft, groß, verwaist – wir scheinen wieder einmal die einzigen Gäste zu sein. An der Rezeption können wir einen Taxifahrer organisieren, der uns nach Amedzofe, einem kleinen Bergdorf, bringen soll. Eigentlich wollen wir noch frühstücken, da keine Bedienung auftaucht, versorgen wir uns mit Wasser und Keksen. Unser Driver ist ziemlich wortkarg. Über Serpentinen schrauben wir uns in die Bergwelt hoch, der Straßezustand verschlechtert sich immer mehr. Im Dorf selbst gehen wir in ein Büro, um uns anzumelden. Wieder tragen wir uns in eine große Kladde ein. Auf die Frage nach einem Plan wird uns eine alte Karte gezeigt, auf der wir so gut wie nix erkennen. Doch der Weg ist einfach, es geht langsam bergan. Wir sind auf dem Gemi-Pfad. In einer kleinen Hütte vor dem letzten Anstieg sitzt ein junger Mann, der auf seiner Gitarre spielt. Er kontrolliert wohl, ob auch alle Gäste wieder zurückkommen. Es ist Mittag, die Sonne brennt, ich habe meinen Hut vergessen, mühsam erklimmen wir den Gipfel, der mit 770 Meter eine schöne Aussicht bieten soll. Leider ist es sehr dunstig. An der höchsten Stelle steht ein Kreuz, das die Deutschen errichtet haben sollen. Der Ort war früher eine Verwaltungsstelle der deutschen Kolonialbehörde in Togo. Am Ziel machen wir ein paar Kreuzigungsaufnahmen, ich versuche den Ausblick filmisch festzuhalten. Als wir uns auf den Rückweg machen, finden wir auf einem Felsen das „Neue Testament“. An der Kontrollhütte bitte ich den jungen Mann, uns etwas auf seiner Gitarre vorzuspielen. Wir gehen weiter Richtung Dorf und stoßen auf einen älteren Mann, der an einem Tisch unter Bäumen sitzt. Vor ihm liegen alte Prospekte – ein Stadtplan von Accra! – und ein Fotoalbum. Am Rande dieses Platzes, quasi am Abgrund, steht eine überdachte Aussichtsplattform, die sich anscheinend noch im Bau befindet. Hier sitzen tatsächlich auch noch zwei weiße Touristen. Der alte Mann liest uns aus den Prospekten vor. Mit monotoner Stimme stolpert er über die Worte – fast macht es einen tragischen Eindruck, wie er stolz und fernab jeglicher touristischer Infrastruktur für sein Plätzchen wirbt. Wir lassen eine kleine Spende da, bieten ihm Kekse an, die er annimmt, jedoch für den Abend zurücklegt. Er kommt früh morgens an diesen Platz und verlässt ihn erst abends. Der Weg zu ihm ist gesäumt mit biblischen Schildern, die mit ihren Sprüchen die göttliche Verbundenheit zeigen sollen: „Heaven ist not far…“etc. Im Dorf selbst werden wir von einem Mann angesprochen, der uns fragt, was wir hier eigentlich machen, was uns hier interessiert. Er versucht, uns zu provozieren, ohne dann aber auf uns einzugehen, wenn wir zu erklären versuchen, dass wir die Informationen aus dem Reiseführer haben. Als wir auf seine Frage, wie der Tourismus verbessert werden könnte, eingehen, habe ich das Gefühl, ins Leere zu reden. Die anderen Dorfbewohner pfeifen ihn zurück, kennen sie wohl seine Eigenheit, Fremde zu belästigen. So haben wir es zwar nicht empfunden, doch ein Austausch hat auch nicht so richtig stattgefunden. Den Tourismus verbessern? Sicher haben wir Ideen, die aber schon am chronischen Papiermangel und der Vernetzung scheitern. Ich denke, wenn die Bewohner Informationen über ihre Gegend sammeln und in Zusammenarbeit mit den Bildungseinrichtungen in Ghana, die es ja gibt, umzusetzen, dann könnten Schautafeln oder kleine Infoblätter entstehen….mir kommen die veralteten Prospekte, die der alte Mann gesammelt hat, in den Sinn.
Wir fahren mit unserem komischen Taxifahrer zurück und wollen etwas essen. Im Reiseführer finden wir „Pleasure Garden“, ein ghanaisches Restaurant. Dort wird eine Schüssel mit Wasser und Pril hingestellt, denn es wird mit den Fingern gegessen. Ich schaue mir die Kochstelle an, was dem Appetit nicht gerade förderlich ist. So richtig Hunger auf Fufu oder Banku will sich nicht einstellen. So nehmen wir schließlich ein Stück Grashopper, dunkles Fleisch, wahrscheinlich Wild, wir finden es nicht heraus. Dann marschieren wir weiter durch Ho, hier soll es ein Tourismus-Office geben, denn wir wollen wissen, wie wir am einfachsten nach Keta kommen, wollen wir doch noch einmal ans Meer. Ein Taxi nimmt uns auf, hat aber keine Ahnung, wohin wir wollen. Ich bin genervt, drücke ihm 2 Cedits in die Hand und wir verlassen das Taxi. Wir finden das Büro, fünf Leute sitzen und stehen hier ohne Aufgabe. Einer nimmt sich unser an, erklärt uns auf nette Weise, welche Handzeichen bei der Tro-Tro-Verständigung gebraucht werden. Anschließend gehen wir in das „Westwind-Restaurant“, um bei Hähnchen unseren noch vorhandenen Hunger zu stillen. Wir sitzen auf Plastikstühlen vor dem Restaurant, das im oberen Stockwerk noch eine Baustelle darstellt. Nach gut einer Stunde kommt das Essen, die Wirtin setzt sich zu uns – wir sind die einzigen Gäste. Wir betrachten das Straßenleben bei hereinbrechender Dunkelheit. Mit einem Taxi fahren wir in unsere Unterkunft zurück.

15. Dezember – Dienstag
Früh sind wir auf und fahren mit einem „public taxi“ zur Mass/Metro-Station Wir bekommen einen guten Platz, doch entspinnt sich ein langes Warten. Ich wandle draußen herum, komme mit einem Lotteriemenschen in Kontakt. Auf der Fahrt sehen wir eine Frau, die folgendes Buch liest: „Prayers and promises for supernatural babybirth“. Ein Mitfahrer sagt uns fälschlich, dass wir aussteigen müssen, die übrigen portestieren lauthals. So kommen wir an, fahren mit einem „share-taxi“ zur „Lonbeg Lodge“. Die Rezeption ist vom Strand entfernt. Trotz Strandlage bekommen wir eine zugemauerte Atmosphäre zu spüren – Palmendächer aus Beton. Wir sind zurzeit wohl auch die einzigsten Gäste, wobei dies nicht immer klar auszumachen ist. Wir haben aber einen kleinen Balkon, der uns Ausblick auf das Strandleben biete. Das Einholen der Netze und Boote bestimmt den Nachmittag. Gegen Abend gehen wir am Strand entlang, der lang und breit ist, tagsüber aber keinen Schatten bietet. Wir beobachten Kinder beim Fußballspiel, werden auch von welchen angesprochen, die uns aber nur ein kurzes Stück begleiten, vielleicht haben ihnen die Eltern Reviergrenzen vorgegeben. Auf den Booten liegen Fische zum Trocknen aus. Das Leben am Strand versöhnt uns etwas mit dem Ambiente unserer Unterkunft. Wir essen im Hotel, mich nervt der Lärmpegel: vorne läuft Fernsehen, hinten das Radio, zwischendurch wird laut telefoniert. Ich bitte, das Radio leiser zu stellen. Wir unternehmen einen Ausflug ins Dorf, wo die Menschen noch voll in der alten Währung leben – so schrecken wir zunächst vor den Preisen zurück, bis sich dies aufklärt. Wir suchen eine Bar auf, über eine Treppe geht es in den zweiten Stock. Unter der Treppe arbeitet ein Friseur im Freien. Die armen Leute tragen wahrscheinlich aus hygienischen Gründen kurz geschorene Haare; Frauen, die es sich irgendwie leisten können, versuchen ihre Kraushaare glatt zu ziehen, mit Strähnen zu verändern. Wir wollen von der Atlantikseite zur Lagune laufen, kommen in ein Häuserlabyrinth, wo uns die vielen angefangenen Bauten auffallen. Die im Reiseführer angepriesenen Bauten aus der Kolonialzeit sind nur mit genauem Hinsehen im Ansatz zu erkennen.

16. Dezember – Mittwoch
Wir brechen wieder früh auf. Unser Ziel Ada-Foa, von dort soll eine Fähre übersetzen. Wir werden von einem Tro-Tro ins nächste verfrachtet. Der Weg führt über eine schöne, schmale Landzunge zwischen Lagune unmd Landzunge. Das Tauwerk zum Einholen der Netze verläuft über die Straße. Ich sehe auch Gruppen in Schutzanzügen, die am Strand etwas einsammeln, erklären kann ich es mir nicht. Zum Schluß noch ein Missverständnis, denn es gibt auch einen Landweg, der aber einen großen Umweg beinhaltet. Wir bekommen es rechtzeitig mit….Der Zugang zur Fähr- und Marktstelle ist mit einem Tau versperrt. Erst gegen Zahlung einer geringen Gebühr, können wir weiter fahren. Es ist Marktbeginn, die Stände werden erst nach und nach aufgebaut. Gleichzeitig ist es auch ein großer Holzverladeplatz, Unmengen an Mangrovenholz stapelt sich hier. Es wird hauptsächlich zum Kochen für das Herdfeuer verwendet. Gleich zu Anfang kommt ein netter Typ auf uns zu, der auf einen großen Einbaum zeigt, der zu unserem Beach-Ressort gehört. Natürlich wird abgewartet, bis dieser voll ist. So haben wir viel Zeit, das bunte Treiben zu beobachten. Einzelne Einbäume kommen angesegelt, landen an. Eine Fähre dockt an: Weit über einhundert Leute verlassen das Schiff, alle beladen für den Markt. Wir kaufen Brot ein, können mit dem übrigen Angebot nicht viel anfangen. Eine Bettlerin klebt sich an unsere Fersen, folgt uns schließlich auf unser Boot, wo sie zunächst toleriert, später aber lautstark entfernt wird. Wir können uns gar nicht satt sehen an den Menschen, ihren bunten Trachten….Unser Wassertro-tro legt ab. Unser Bootsmann trägt ein T-shirt von Hoffman – TSV Heuchelheim. Während alle anderen so um einen Cedit bezahlen, müssen wir dann zehn berappen. Wir dürfen das Geld auch nicht offen im Boot überreichen, sonder steigen erst aus, dann kommt er auf uns zu, um so in aller Diskretion der überhöhten Preis einzutreiben. Zwischendurch legen wir immer wieder an, Leute steigen ein und aus, Gepäck und Waren werden gepackt und gereicht. Eine alte Plastikplane wird als Spritzschutz an der Bordwand längsgezogen, das Schiff ist voll, wir sind 20 bis 30 Personen, die Sitze sind hart….Wir sind am Ziel: eine schöne Anlage zwischen Volta-See und Atlantik. In der Nähe liegt ein Dorf mit einer Schule, bei der wohl auch Freiwillige aus Europa ein Praktikum machen können. Wir beziehen eine kleine Rundhütte mit Sandboden. Es sind nur wenige Gäste da, vielleicht arbeiten sie hier auch. Der Strand ist zu heiß für die nackten Fußsohlen, es gibt keine Palmen, die Schatten spenden auf der Atlantikseite. Wir sitzen im Rondell, lesen wird schwierig für mich, nachdem ich meine Lesebrille und beide Stirnlampen verloren habe. Zuweilen gibt es Stromausfälle, wenn der Generator ausfällt. Beim Baden macht uns die starke Strömung zu schaffen. Als ich die Freilufttoilette benutzen will gehe ich in ein Rechteck ohne Dach, das aus geflochtenen Matten besteht. Nach Anheben des Klodeckels kommen mir Schwaden von Fliegen entgegen. Die Situation setzt mir zu, ich will wieder weg von hier – Konstanze dagegen nicht. Nachts rebelliert mein Magen, ich verbringe Stunden auf dem Freiluftklo unter tollem Sternenhimmel – eine Krabbe besucht mich dort unaufgefordert…..

17. Dezember - Donnerstag
Am nächsten Morgen liege ich ermattet vom Magengetöse herum. Die Leute befürchten schon einen Malariaanfall bei mir, wollen mich in ein Krankenhaus bringen. Mit dem Wassertaxi verholen wir uns ins „Manet Pradise Beach Ressort“ Es ist kaum etwas los, doch es gibt gute sanitäre Einrichtungen, so geht es Ralph bald wieder besser. Wir suchen im Dorf Möglichkeiten zum Einkaufen, wollen Mitbringsel erstehen. Fehlanzeige – Tourismus, wie wir ihn kennen, gibt es hier nicht, wir überlegen, wie das Hotel überhaupt existieren kann. Wir kaufen Melone und Brot, finden in einem Shop Zigaretten. Hier herrscht eine böse Mutti über die arbeitenden Kinder. Zurück laufen wir an einer Front von Luxushäusern, finden auch einen ghanaischen Segelclub. Schon bei der Herfahrt habe ich Jollenmasten gesehen, es ist für mich immer wieder ein schöner Anblick. Allerdings läuft dort wohl im Moment nichts. Ein Schwarzer spricht uns an, er habe uns schon vorher auf der Fähre gesehen. Er bietet uns eine Kanu-Tour zur Ruminsel. Nach einigen Verhandlungen einigen wir uns auf einen Preis. Bei einem kleinen Abstecher zur Atlantikseite sehen wir ein ärmliches Dorf und viel, viel Dreck. Der Abfall wird in flachen Kuhlen gesammelt, dort verbrannt, gleichzeitig wird dort die Notdurft verbracht. Im Gegensatz daneben unsere Nobelherberge. Hier treffen die Unterschiede hart aufeinander. Wir organisieren uns noch ein Taxi für Samstag, das uns nach Accra zum Flugplatz bringen soll. Wir können 60 Cedits (30 €) aushandeln.

18. Dezember – Freitag
Gegen 7 Uhr sitzen wir bei einem opulenten Frühstück, trödeln dann bis 0930 Uhr herum, Erik, unser Bootsmann, kommt. Mit dem Einbaum paddelt und stakt er uns an den Ufern entlang. Hier stehen, leicht versteckt, hübsche Ferienhäuser. Oft sollen es Menschen aus Lybien sein. Wir fahren an einigen Dörfern vorbei, kommen an der Ruminsel an. Gleich wird uns die Eigenproduktion zum Kosten angeboten, während Konstanze mit einem Glas davonkommt, muss ich als Mann derer zwei trinken. Der „chief“ zeigt uns Anbau und Verarbeitung des Zuckerrohrs. Stolz zeigt er uns eine Sammlung von Visitenkarten, die meisten stammen von Behörden und Leute, die in Ghana arbeiten. Der Segelschulsprospekt wird in seine Sammlung aufgenommen. Wir zücken zum letzten Mal die Polaroid-Kamera, der sich hauptsächlich die Erwachsenen stellen, die Kinder halten sich bedeckt. Erik lässt sich mit Konstanze ablichten….Mit zwei Plastikflschen voller Rum geht es wieder gegen Strom und Wind zum Ressort. Dabei paddelt er dicht am Ufer längs, wo auch mehrere Fischerboote liegen. In deren Nähe baden viele Kinder, wir haben das Gefühl, sie wollen uns entern, bleiben dann aber verschont. Mit einem Taxi fahren wir in ein benachbartes Ressort, das an einer kleinen Steilküse liegt. Es sind keine Gäste da, die ganze Anlage macht einen vergitterten Eindruck. Unsere Anlage füllt sich langsam zum Wochenende hin. Wir treffen einen kanadischen Eheberater aus Accra. Gruppen von gutsituierten Schwarzen kommen, um Ausflüge auf den Booten zu machen. Zwei Wassermotorräder preschen durch den Voltasee.

19. Dezember – Samstag
Unser letzter Tag. Wir beobachten das Leben in der Anlage. Eine Gruppe von Chinesen geht mit Rettungswesten auf Bootstour. Ein modernes Motorboot legt an, nimmt einen jungen, mit Aktentasche versehenen Weißen auf, fährt in Richtung der versteckten Ferienhäuser. Später kommt das Boot wieder, um zwei Mädchen aufzunehmen, plakativer, klischeehafter Geldadel. Ein chinesisches Pärchen will mit einem Wassermotorrad fahren. Immer wieder würgen sie den Motor ab, schließlich muß ein Einbaum zur Hilfe kommen – das Einfache, Alte kommt der Modernen zur Hilfe. Zwei Katamarane und Laser ziehen über den Fluss. Auf dem Laser sitzt auf der Spitze wahrscheinlich ein Segellehrer, der Anweisungen gibt. Konstanzes Kennerblick sieht sofort, dass der Schüler noch in den Anfängen steckt, Segel killen, bei den Halsen ist eine Kenterung nicht unwahrscheinlich. Erik, unser Bootsmann kommt noch einmal zu Besuch. Der Taxifahrer kommt vorbei, um den Termin noch einmal zu bestätigen, was uns sehr beruhigt. In einer langen, zermürbenden Fahrt geht es dann zum Flughafen, wo wir bei der Ankunft angkommen, uns dann zum Abflug durchkäpfen müssen. Im Flieger sinken wir müde in unsere Sitze, landen schließlich bei -8° in Hamburg.


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